Games dieser Dekade – Tür 20: Hellblade – Senua’s Sacrifice

Hellblade ist ein Spiel, das auf den ersten Blick gar nicht so besonders wirkt. Es ist ein düsteres Spiel, in dem man Rätsel löst und gegen düstere Gestalten kämpft. Gab es schon hunderte Male und wird es auch noch hunderte Male geben. Dennoch wird Hellblade immer wieder als einer DER Spiele des Jahrzehnts bezeichnet und das zurecht, denn hinter dem Spiel steckt viel mehr.

Hellblade: Senua's Sacrifice

In Hellblade spielt man eine junge Frau namens Senua. Sie hat ihren Partner Dillion verloren und ist auf dem Weg nach Helheim, um seine Seele vor der Göttin Hela zu retten. Wie man bereits hier merkt, ist Hellblade sehr stark angelehnt an die nordische Mythologie und darum macht das Spiel auch kein Geheimnis. Das Setting passt auf jeden Fall ganz hervorragend zur Geschichte, welche erzählt werden soll.

Psychische Krankheiten im Fokus

Senua ist jedoch nicht einfach irgendeine Kriegerin, die alles niedermetzelt, was sich ihr in den Weg stellt. Sie hat mit etwas zu kämpfen, was im Spiel als „Fluch der Dunkelheit“ umschrieben wird. Dazu kommt, dass sie Stimmen hört und unter Psychosen leidet. Das alles ist noch gar nicht der große spannende Punkt von Hellblade – Spannend ist, wie es dargestellt wird. Denn während der Entwicklung von Hellblade ließen sich die Entwickler Ninja Theory von vier Psychologen und zwei Professoren der Neurowissenschaft und Psychologie begleiten. Das Ziel? Senuas psychische Krankheiten überzeugend darstellen, ohne den Betroffenen dieser Krankheiten auf die Füße zu treten.

Dass das erreicht wurde, hört man aus vielen Ecken. Die Darstellung ist so gut, dass Hellblade mit diversen Awards ausgezeichnet wurde. Zudem hat Ninja Theory mittlerweile The Insight Project gegründet. Eine Initiative, welche sich mit dem Thema verschrieben hat, psychische Krankheiten im Bereich Gaming zu untersuchen und darzustellen. Aber das nur nebenbei.

Beim Start von Hellblade wird darauf hingewiesen, dass die drastischen Darstellungen dieser Psychosen für einige Menschen verstörend wirken können. Insbesondere eben für Menschen, welche selbst an Psychosen leiden. Ebenso wird darauf hingewiesen, dass man das Spiel unbedingt mit Kopfhörern spielen sollte. Ist so ein Hinweis oftmals nur ein „Hey, dann klingt alles toller!“, ist es bei Hellblade zwingend notwendig, um das gesamte Spiel zu erleben.

Senua hört Stimmen in ihrem Kopf und diese hört der Spieler auch. Wenn man nur von vorne beschallt wird, geht der gesamte Effekt verloren. Denn die Stimmen in Senuas Kopf sind immer da, es sind mehrere Frauen, welche ihr einerseits Mut zusprechen, andererseits werden Aussagen getätigt, welche Senua und den Spieler demotivieren sollen. Das ist eine Erfahrung in einem Spiel, welche ich so noch nie hatte und dass die Stimmen um einen herum (und nicht einfach stumpf von vorne) abspielen, macht das Ganze zu einem besonderen Erlebnis. Manchmal etwas anstrengend, aber genau das soll ja simuliert werden.

Sounddesign aus der Hölle…

Die Überschrift kann man missverstehen, daher kurz die Erklärung. Hellblade hat das beste Sounddesign, welches ich jemals in einem Spiel gehört habe. Aus der Hölle ist es deswegen, weil es so unfassbar gut ist. Möglich wird das Ganze durch binaurale Tonaufnahmen.

Binaurale Aufnahmen sind „Stereo“-Aufnahmen mit besonderer Aufnahmetechnik, die typischerweise nur mit Kopfhörern korrekt wiedergegeben werden, daher die Bezeichnung als „Kopfhörer-Stereofonie“. Binaurale Aufnahmen, welche die durch Kopfhörerwiedergabe unterbundenen natürlichen Ohrsignale ersetzen, sind die beste technische Lösung, einen räumlichen Höreindruck realitätsnah zu reproduzieren.
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Hierbei werden zwei Mikrofone im durchschnittlichen Abstand zweier Ohren nebeneinander platziert und man nimmt den Sound mit beiden Mikrofonen zeitgleich auf. Es ist schwer zu beschreiben und lässt sich deutlich einfacher erklären, wenn man es sieht. Aber man stelle sich den Kopf einer Schaufensterpuppe mit Ohren vor. Innerhalb der Ohrmuscheln sind Mikrofone. Dann bewegt man sich um den Kopf herum und der Sound klingt über Kopfhörer dann so, als würde man selbst in dieser Aufnahme sein.

Das ist klanglich ein verdammt besonderes Erlebnis und in Hellblade hat man das die ganze Zeit. Die Erzählerstimme ist entsprechend aufgenommen. Alle einzelnen Stimmen im Kopf, sind so aufgenommen und auch die Umgebungsgeräusche kommen genau so rüber. Das sorgt für eine Soundoberfläche, welche es in einem anderen Spiel so bisher nicht gegeben hat und ist nicht nur unfassbar beeindruckend, sondern auch belastend. Auf eine authentische und gute Art und Weise, denn genau das soll bei Hellblade abgebildet werden. In folgendem Video wird das Ganze recht gut beschrieben, wenn leider auch nur auf englisch. Was hier bereits klar sein sollte: Das Video ergibt ohne Kopfhörer keinen Sinn.

Ab Minute 2:11 sieht man allerdings kurz was gemeint ist. Wer sich jetzt nicht das ganze Video antun möchte, kann sich die ersten sieben Minuten von Hellblade anschauen, denn hier hört man ohne irgendwelche Spoiler, wie das ganze dann im Spiel klingt. Hier muss man noch nicht einmal verstehen was gesagt wird, um zu verstehen, warum es nach einer Weile wirklich belastend sein kann dabei zuzuhören.

Nie so verbunden gefühlt…

Das Sounddesign, die Darstellung von Allem und die Erzählung der Geschichte führten bei Hellblade zu einer Sache. Ich fühlte mit Senua mit. Das kennt man aus Filmen, Serien und Spielen bereits, aber in keinem Medium war es bisher auch nur im Ansatz so extrem wie bei Hellblade. Senua leidet? Ich leide mit. Senua möchte schreien, weil ihr alles zu viel wird? So geht es auch mir.

Ich habe mit einigen Menschen geredet, die das Spiel auch gespielt haben und es ist bei eigentlich jedem so, der das Spiel bis zum Ende durchgespielt hat. Man fühlt sich zu Senua einfach so extrem verbunden, wie es noch nie bei einem anderen Videospiel-Charakter bisher der Fall war. Einfach weil sie so authentisch dargestellt wird und man jedes Gefühl von ihr auch mitmacht.

Man möchte Senua einfach durch diese Situation durchführen und sie begleiten und wenn man das geschafft hat, dann fühlt man sich in etwa so befreit, wie sie sich selbst. Ich kenne mehrere Personen, die in dem Moment in dem der Abspann los ging, in Tränen ausbrachen. Und das kann ich vollkommen nachvollziehen. Bei mir war es einfach so, dass ich ohne Worte auf den Abspann gestarrt habe und eine Viertelstunde einfach nur still war.

Bis heute denke ich noch ständig an Hellblade und wie unglaublich gut dieses Spiel ist. Wenn ich eine Protagonist*in bestimmen müsste der*die in dieser Dekade bei mir auf Platz 1 steht, dann ist das mit sehr großem Abstand Senua. Und deswegen bin ich auch extrem gehyped, weil zusammen mit der Ankündigung der Xbox Series X (Der Nachfolger der Xbox One, welcher im Herbst 2020 erscheinen wird) auch der zweite Teil angekündigt wurde. Unter dem Namen Senua’s Saga: Hellblade II – Hier der Trailer davon:

Ein Kommentar

  1. Alter, die zwei Schnipsel und der Trailer von Teil 2 hier in deinem Beitrag reichen mir echt schon. Das Ding ist schon wieder too much für mich, und wenn man selbst schon leicht einen an der Pfanne hat, sollte man dieses Spiel allerdings lieber links liegen lassen.
    Ich kann mir schon vorstellen, dass hier diverse Gemüter beim Spielen aufs Äußerste auf die Probe gestellt werden und dass das Game eine absolut intensive Erfahrung ist.
    Mir geht es eher so, dass ich mich zum Entspannen vor die Kiste hocke und um eine gute Zeit zu haben – das wäre in jeder Hinsicht der absolute Horror, da wären andere Horrorspiele im Vergleich zu diesem Psychotrip wohl eher ein Bummel über den Jahrmarkt.
    Was hier technisch und vermutlich spielerisch rausgeholt wird, alle Achtung, dieses ganze unwirkliche Drumherum ist wirklich schon beeindruckend. Aber nein, da hätte ich die Hose voll.

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