Games dieser Dekade – Tür 4: Celeste

Den vierten Tag nutzen wir für ein Spiel, von welchem jede an Spielen interessierte Person zumindest schon mal gehört haben sollte. Und wenn nicht, gab es irgendwo im Hintergrund bereits den Soundtrack. Man kommt um Celeste nicht herum und das ist in meinen Augen auch gut so. Celeste definiert für mich die oberste Kante des Plattformer-Genres komplett neu. Nicht nur weil die Grafik wunderschön ist, sondern weil das Gesamtbild passt.

Artwork zu Celeste

Es wirkte 2018 vollkommen unmöglich ein YouTube-Video zu sehen, welches Gameplay-Mechaniken behandelt, ohne dass Celeste einen wichtigen Part dieses Videos hatte. Nicht allzu selten waren die gesamten Videos über Celeste. Ebenso bei Game-Soundtracks, Grafik und Story. Das Spiel hat bei so ziemlich jeden, der damit zu tun hatte, einen bleibenden Eindruck hinterlassen und wird dies vermutlich noch auf viele Jahre hinweg tun.

Der Grund warum es dennoch nicht in meinen Top 10 ist, sondern in der unsortierten Liste davor, ist ganz einfach: Es ist brutal schwer und ich hab nach einer Stunde erstmal aufgegeben. Ich spiele nicht allzu oft Plattformer und Celeste ist hier die Königsklasse. Und hier kann man es nicht mal auf die schlechte Steuerung schieben, wenn man versagt, weil diese einfach ihresgleichen sucht. In unzähligen Videos, Beiträgen, Vorträgen etc. wird die Steuerung von Celeste immer wieder als DER Maßstab genommen, wie ein Plattformer funktionieren soll.

Und dem muss ich zustimmen. Ähnlich wie bei Hollow Knight, welches noch einen eigenen Beitrag in dieser Reihe verdient hätte, ist die Steuerung so präzise wie in keinem anderen Spiel, welches ich die letzten Jahre angerührt habe. Und das ist hart frustrierend, weil jeder Fehler von einem selbst kommt. Durchspielen werde ich es dennoch eines Tages und das nicht weil ich weiß ich werde gut genug für das Spiel, sondern aufgrund einer Funktion, welche ebenso ihresgleichen sucht, wie vieles Andere and Celeste.

Ein Spiel für jede Person

Es gibt Personen mit Behinderungen. Es gibt Personen, die einfach nicht so gut in Spielen sind. Es gibt Personen, die einfach nur entspannt spielen möchten. Und es ist gibt Personen, welche eine richtig heftige Herausforderung suchen. Celeste ist für all diese Personen gedacht. Denn es gibt einen so genannten „Assist Mode“, bei dem man alles im Spiel so konfigurieren kann, wie es für die eigenen Bedürfnisse sinnvoll ist. Mein absoluter Lieblings-YouTubekanal, den ich dieses Jahr entdeckte, hat ein hervorragendes Video darüber gemacht:

Da das Video leider noch keine deutschen Untertitel hat, hier eine kurze Zusammenfassung was der Assist Mode von Celeste einem ermöglicht. Man kann die generelle Geschwindigkeit des Spiels reduzieren. Bis zur Hälfte der Geschwindigkeit kann man runter, falls man einfach nicht so schnell reagieren kann. Perfekt für ältere oder anderweitig körperlich eingeschränkte Personen. Ebenso kann man die Ausdauer von Madeline (die Protagonistin des Spiels) auf unendlich stellen. Ist einem das zu viel, kann man auch einfach nur die Anzahl der Air Dashes (quasi sowas wie ein Doppelsprung) erhöhen. Und zu guter Letzt kann man Madeline noch vor jeglichem Schaden bewahren, indem man sie unverwundbar macht.

So kann jeder früher oder später das Spiel durchspielen und ich finde es absolut klasse, dass man hier einfach an jeden gedacht hat und im Spiel auch klar macht, dass es nicht schlimm ist, wenn man diese Optionen nutzt, sondern Spieler*innen sogar dazu ermutigt, falls sie das Spiel zu schwer finden.

Die Grafik von Celeste 💚

Ja, Celeste ist auf den ersten Blick, wieder „nur ein Pixelspiel“. Aber wenn man sich ein paar Minute des Spiels anschaut dann sieht man, dass es einfach so viel mehr ist, als nur ein bisschen Pixelgrafik. So viel Liebe wie in Animationen, Details und Co stecken, findet man in wenigen Spielen dieses Grafikstils. Zu den Animationen gibt es auch ein kurzes nettes Video:

Es ist einfach unheimlich schwer mit so einer limitierten Grafik so viele Informationen und vor allem Emotionen zu vermitteln. Aber die Designer von Celeste haben das auf eine sehr beeindruckende Weise geschafft. Man hat die ganze Zeit das Gefühl, dass man genau weiß wie es Madeline geht. Dass man in Bruchteilen von Sekunden sofort den Zustand sehen kann und somit sofort entscheiden kann, wozu sie gerade in der Lage ist. Das ist bei so einem reduzierten Grafikstil eine Meisterleistung.

Die Musik ist einfach fantastisch

Der gesamte Soundtrack von Celeste ist auf Spotify verfügbar und ich kann jedem nur empfehlen ihn sich anzuhören. Bereits im ersten Song »Prologue« wird so viel kommuniziert und das mit so wenig, dass ich jedes Mal Gänsehaut bekomme, wenn der kurze Song seine letzten 20 Sekunden einläutet. Man merkt sofort, das Spiel ist nicht nur verträumt, sondern auch fordernd, hektisch, aufreibend.

Hat man diese 68 Sekunden geschafft, dann kommt ein Lied, bei dem in mir direkt in den ersten Sekunden Emotionen hochkommen, die kein Spiel in mir wecken können sollte, welches ich eigentlich gar nicht gespielt habe oder eben nur kurz. Das ist auch das Lied, welches man bereits kennt, wenn man irgendwo etwas von Celeste gehört hat. Die ersten 12 Sekunden werden so oft in Videos verwendet, die in Kürze über Celeste reden, dass man direkt aufmerksam wird. Und ein bisschen wehmütig.

Sobald man sich ein bisschen mit der Musik und der Story von Celeste beschäftigt hat, ein paar Spielszenen kennt und darüber etwas sinniert, ist es fast unmöglich bei der Musik emotionslos zu bleiben. Ich kann nur jedem empfehlen sich den Sountrack einmal komplett anzuhören. Es sind eine Stunde und 41 Minuten, aber ich könnte sie mir jeden Tag locker drei bis viermal geben. Vor den nächsten Absätzen kann man den Soundtrack gerne mal einschalten, um ein bisschen mehr in Stimmung zu kommen und sich auch vielleicht etwas mehr in das Spiel hineinzuversetzen.

Die Story von Celeste…

Ich habe es bereits ein paar mal angedeutet. Die Story von Celeste hat es in sich. Für ein Spiel aus dem Plattformer-Genre ist es unüblich eine wirklich fesselnde oder tiefere Story zu haben. Doch Celeste ist nicht einfach ein Plattformer. Ich möchte nicht zu viel spoilern und versuche einfach mal mein Bestes allgemein zu bleiben.

Als erstes sollte man klären, was Celeste ist. Schaut man sich das Cover des Spiels an, könnte man meinen die junge Dame die man spielt heißt Celeste. Aber wie mehrfach erwähnt, sie heißt Madeline. Celeste ist der Berg den sie besteigen möchte. Sie scheint fest entschlossen an die Spitze des Bergs zu gelangen, obwohl jeder davor warnt. Celeste ist ein sehr gefährlicher Berg und Madeline wirkt nicht so, als könne sie das mal eben so machen. Doch das ist ihr egal.

Schnell merkt man, mit Madeline „stimmt was nicht“. Sie kriegt Panik-Attacken, ist unsicher und leidet kurz gesagt unter Depressionen. Dennoch ist sie fest entschlossen: Sie schafft das. Dennoch? Eher deswegen. Sie will es nicht allen zeigen, sie will es sich zeigen. Sie will über ihren eigenen Schatten springen. Will Mut sammeln. Ihre Ängste überwinden. Und genau das ist es womit sie immer wieder konfrontiert wird.

Sie wird im Spielverlauf mit Manifestationen ihrer Ängste konfrontiert und das ist alles Andere als positiv. Im Laufe der Story sitzt man immer mal wieder da und muss erstmal durchatmen. Wenn man selbst etwas mit diesem Krankheitsbild zu kämpfen hat, ist man dem gegenüber vermutlich etwas verbundener, aber auch so bekommt man vermutlich einen guten Eindruck, wer Madeline ist und womit sie zu kämpfen hat. Vielleicht bekommt man auch im echten Leben dadurch einen besseren Einblick und ein besseres Verständnis für Menschen, die eben nicht „einfach nur traurig“ sind.

Es ist schwer die Story von Celeste in Worte zu fassen. Besonders wenn man bisher nur zugesehen hat und nicht die komplette Story selbst gespielt hat. Aber die Story hat es mir sehr angetan und so werde ich immer wieder melancholisch, wenn ich den Soundtrack höre. Aber auch irgendwie glücklich…

… für jede Person

Bei der Recherche um Celeste für diesen Beitrag fiel mir etwas ins Auge. Im Kapitel 9, Farewell, welches später erschienen ist, gab es etwas Hintergrund-Wissen zu Madeline. In einigen Bildern im Spiel sieht man neben einer Gay Pride Flagge auch eine Transgenderflagge. Dazu kommt ein Bild auf dem Nachttisch von Madeline, auf welchem sie noch ein Kind ist… auf welchem sie durchaus männlich aussieht. Es wird vom Entwickler des Spiels weder dementiert noch bestätigt, dass dem so ist, allerdings sind die Anzeichen durchaus da.

Wenn man dazu nimmt, dass Lena Raine (Die Komponistin des Soundtracks) ebenso eine Transperson ist und einen gewissen Einfluss auf das Spiel hat, wäre das Ganze nicht einmal so abwegig. Das würde Madelines Ängste und ihren Zwiespalt mit sich selbst erklären und wäre eine wundervolle Art noch die letzte Gruppe Menschen abzuholen, welche Celeste zuvor nicht direkt angesprochen hat. Wie gesagt. Ein Spiel für jede Person. Und das ist einfach wundervoll.

Ich denke eine ausformulierte Begründung brauche ich nicht mehr, warum Celeste in der Liste der Games dieser Dekade ist. Lest euch die letzten 1.400 Wörter durch und ihr wisst was ich an diesem Spiel so sehr liebe und daher bin ich auch so froh, dass es mittlerweile auf fast allen Plattformen angekommen ist. Auf PlayStation 4, Nintendo Switch, Xbox One, Windows, Linux und macOS kann man es bisher genießen und ich würde mir wünschen, dass es irgendwann auch noch auf Android und iOS kommt, damit es wirklich jeder erleben kann. Hier wird es aufgrund der Steuerung nur vermutlich deutlich schwerer, wenn man keinen Controller voraussetzen möchte.

Ein Kommentar

  1. Ich bin schon lange nicht mehr von einem Beitrag von dir so gerührt gewesen wie von diesem, dass mir zum Schluss die Tränen kamen. Wundervoll geschrieben, mit so viel Liebe und Gefühl. Ich kam mir beim lesen vor, ob ich in dem Game mitspiele, mitten in der Story bin.

    Ich bin dann gleich zu Spotify, um den Soundtrack von Celeste zu hören. Einfach fantastisch! Die Musik entspannt, lässt träumen und auch bisschen melancholisch werden.

    So, mehr möchte ich gar nicht schreiben, um mir das schöne Gefühl, was ich habe, noch eine Weile zu erhalten, da im Hintergrund immer noch der Soundtrack von Celeste läuft. ❤️💚

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