Kena: Bridge of Spirits — Ein spielbarer Pixarfilm mit viel Charme

Alle paar Jahre gibt es dieses eine Spiel, bei dem alle sagen »Das sieht aus wie ein Pixar-Film!«. Als Kena: Bridge of Spirits vorgestellt wurde, war es wieder soweit. Die Ästhetik der Charaktere kommt nah an den Stil von Pixar ran und die Grafik ist langsam wirklich auf dem Level, dass sie in Echtzeit ähnliche Ergebnisse erzielen kann. Doch kann das Spiel auch neben der Grafik etwas?

Kena: Bridge of Spirits

Gleich vorweg: Ich hätte es nicht durchgespielt, wenn es nichts könnte. Ob es gut ist, ist natürlich nochmal eine andere Geschichte und hier muss ich tatsächlich vorweg nehmen, dass ich den Hype um das Spiel nicht ganz nachvollziehen kann. Ja, es sieht wirklich gut aus und das ist im Endeffekt auch das, weswegen das Spiel so viel Aufmerksamkeit im Vorfeld bekam. Spielerisch hat es mich allerdings nur bedingt überzeugt. Dennoch möchte ich einen zweiten Teil. Widersprüchlich? Natürlich, aber vielleicht wird das Ganze im weiteren Text klarer.

Erstlingswerk

Bei Kena: Bridge of Spirits handelt es sich um ein Erstlingswerk des Studios Ember Lab. Wenn man sich deren Entwicklerblog anschaut, haben sie wohl auch mal ein Spiel namens Crabs and Penguins entwickelt, aber nach allem was ich dazu finde, ist dieses Spiel nie erschienen. Also kann man vermutlich guten Gewissens sagen, dass es in diesem Beitrag um das erste Spiel von Ember Lab geht.

Denn tatsächlich ist das ein Punkt, der mir beim Spiel immer wieder auffiel. Probleme, welche vor Jahren bereits von erfahreneren Studios gelöst wurden, tauchten bei Kena auf einmal wieder auf. Das ist recht typisch für Erstlingswerke, denn man kann schlichtweg nicht alles beachten. Man hat keine Erfahrungen oder fertige Skripte, auf die man zurückgreifen muss. So verliert man Dinge aus dem Fokus oder aber hat schlichtweg keine Zeit diese noch zu optimieren.

Kena: Bridge of Spirits — Wald-Screenshot

Bei Kena: Bridge of Spirits waren das jetzt allerdings nur Kleinigkeiten, welche sich zwar häufigen, aber im Gesamten so gering sind, dass ich mich nicht mal mehr so recht dran erinnern kann, was es war. Lediglich, dass es den Gesamteindruck etwas getrübt hat. Zu dem Zeitpunkt wusste ich aber auch noch nicht, dass es das erste Spiel des Studios ist, denn hier kommt die andere Seite der Medaille.

Das Spiel ist überraschend gut, wenn man sich Grafik und Größe anschaut. Ich finde nichts verbindliches zur Teamgröße von Emberlab, aber alle scheinen sich einig zu sein, dass es deutlich unter 50 Personen sind. Und dafür ist das Spiel nicht nur gut, sondern grandios. Gerade für Menschen, die sich nicht in ihrer Freizeit damit beschäftigen, wie Videospiele entwickelt werden, sondern einfach nur zocken, dürfte das absolut nicht bemerkbar sein.

Lediglich das Voice Acting wirkt auf mich wirklich nicht gut. Nicht mal zwingend die Performance, diese ist zumindest bei der Sprecherin von der namensgebenden Protagonistin Kena nicht schlecht, aber es wirkt sehr günstig produziert. Aber auch hier muss man anmerken: Ein voll vertontes Spiel als Erstlingswerk gehört definitiv gelobt. Auch wenn ich mir eine deutsche Synchronisation gewünscht hätte.

Kena: Bridge of Spirits — Kena mit einer Maske

Rule of Three — The Game

Es gibt im Gaming ein Konzept, welches man auch anderen Bereichen kennt: Die Rule of Three. Also die Regel der drei. Im Gaming-Kontext bedeutet das, dass eine Aufgabe in drei Teile unterteilt wird, denn drei ist nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Zwei fühlt sich manchmal einfach so an, als kriege man etwas hinterher geworfen und vier wirkt oft mühselig. Zumindest arbeitet hiernach dieses Konzept.

In den meisten Spielen findet man das mehr oder weniger offensichtlich wieder. Erlege drei Wölfe, bring mir das Fell, bring die daraus genähte Kleidung zu Person X. Oder auch: Gehe zu drei Schreinen und aktiviere diese. Solche Konzepte findet man immer wieder und es sind sehr sehr oft drei Schritte oder in schlechteren Beispielen drei mal dieselbe Aufgabe, nur leicht abgeändert.

Kena: Bridge of Spirits — Panorama

Letzteres macht Kena. Sehr. Das gesamte Konzept baut sich schon darum auf, dass man drei Hauptziele erreichen muss, um ein Tor zu öffnen. Innerhalb dieser drei Hauptziele, muss man drei Nebenziele erfüllen, welche allesamt von drei Unteraufgaben begleitet werden. Der Endboss hat drei Phasen, es gibt meist drei Story-Sektionen etc etc. Das Spiel bricht nur extrem selten aus dieser Regel aus und leider merkt man es schon stark. Das macht es nicht schlechter, aber extrem berechenbar.

Auch wenn mir das Spiel nicht sagt, dass ich drei Dinge machen muss, weiß ich nach dem zweiten es kommt noch etwas und kurz vor Abschluss des Dritten, dass ich jetzt weiterkomme. Somit bleiben die Überraschungen etwas aus und es wird etwas mühselig. Besonders da sich die Aufgaben innerhalb einer Dreierregel nur selten gravierend unterscheiden.

Dichte Wälder, fehlende Orientierung

Worauf man sich definitiv einigen kann ist auf jeden Fall, dass Kena: Bridge of Spirits ein wunderschönes Spiel ist. Die Umgebungen sind sehr abwechslungsreich, alles ist super dicht in den Wäldern und wirkt realistisch und auch sonst muss sich das Spiel nicht verstecken. Besonders nicht auf der PlayStation 5. Das führt allerdings leider auch dazu, dass manchmal alles etwas unübersichtlich wird. Wenn ein Gebiet 200 Pflanzen hat, man sich umdreht und da sind wieder 200 Pflanzen, dann kann man schon mal die Orientierung verlieren.

Kena: Bridge of Spirits — Kena im Wald

Hierbei hilft eine Maske, welche einem das Ziel anzeigt. Die Animation, diese auf- und wieder abzusetzen (denn bewegen kann man sich während des Tragens nicht), ist leider etwas lang. Die fehlende Minimap hat mich immer mal wieder aus dem Spiel gerissen, denn wollte ich auf die Karte schauen, musste ich diese manuell öffnen und immer wieder neu reinzoomen, denn die Zoomstufe wurde sich nicht gemerkt.

Das sind keine großen Probleme, allerdings Kleinigkeiten, die mich immer wieder aus der wunderschönen Welt rausgerissen haben. Hier würde ich mir für einen eventuell zweiten Teil eine optionale Minimap wünschen, denn ich weiß es gibt auch die Gruppe Gamer:innen, welche Minimaps schrecklich finden.

Kena: Bridge of Spirits — Kena beim meditieren

Niedlichkeit im Überfluss

Kein Beitrag über Kena: Bridge of Spirits wäre komplett, wenn ich die Rott nicht erwähnen würde. Rott sind kleine Waldwesen, über dessen große Funktion im Spiel ich hier nicht zu viel verraten möchte, da das ein Storyspoiler wäre. Wer Pikmin kennt, kann sich vielleicht in etwa vorstellen, wie die Rott funktionieren. Je länger und aufmerksamer man spielt, desto mehr Rott begleiten einen auf der Mission und desto wuseliger wird das ganze Schauspiel.

Der Dual Sense Controller der PS5 hilft hier teilweise durch subtile Vibrationen auf Rott aufmerksam zu machen, welche man dann durch ein kleines Rätsel oder einfach auch nur durch einen Energiestoß aufdecken kann. Erinnert an der Stelle sehr an die Koroks von Breath of the Wild. Allerdings verweilen die Rott dann nicht wie die Koroks in der Welt, sondern begleiten Kena auf ihrer weiteren Reise.

Mit den Rott kann man dann verschiedene Rätsel lösen oder aber man schaut sie sich einfach an und findet sie niedlich. Also ernsthaft, das ist schon unverschämt, wie niedlich die dargestellt werden. Sehr spannend finde ich hier ein System, in dem die Rott sich Punkte in der Welt aussuchen und dort verweilen. Sie sitzen entspannt an einem Steg und schauen aufs Wasser, stellen sich aufs Dach, liegen auf Steinen rum und machen generell hunderte Dinge, von denen ich diverse vermutlich nie gesehen habe, weil das Ganze so vielfältig ist.

Dadurch wirkt die Welt noch lebendiger als sowieso schon, denn die Rott sind immer bei Kena und wuseln durch die Gegend. Zu allem Überfluss gibt es dann auch noch Sammelgegenstände: Und zwar Hüte. Nicht für Kena, sondern für die Rott. Es gibt eine ganze Währung im Spiel, welche nur dafür zuständig ist Hüte für die Rott zu kaufen und von diesen gibt es unfassbar viele. Nichts, was das Gameplay verändert, aber es ist halt niedlich und fügt dem Ganzen nochmal ein kleines bisschen mehr vom gewissen Extra hinzu.

Kämpfen gegen die Korruption

Die wenigsten Spiele kommen ohne Kampfsystem aus und so muss man auch in Kena ab und an mal zum Stab greifen. Später bekommt man noch weitere Fähigkeiten, auf die ich nicht eingehen werde, da dies ebenso Story-Spoiler wären. So viel sei aber gesagt: Für ein Erstlingswerk ist das Kampfsystem sehr angenehm und abwechslungsreich.

Kena: Bridge of Spirits — Korruption im Wald

Ich habe mich zwischendurch nicht erwischen müssen zu fluchen, weil irgendwas nicht so wollte wie ich. Naja, außer der Gegner, der eben besiegt werden sollte und mich dann halt besiegt hat. Aber hier muss ich zugeben, dass das vielleicht eher an mir sag und nicht an dem Spiel.

Im Vorfeld habe ich mehrfach gelesen, dass das Kampfsystem nicht so toll sein soll, aber in dem Fall kann ich schlichtweg nicht meckern. Es fühlt sich einfach gut an und wird durch die freischaltbaren Fähigkeiten nur noch besser. Die Kämpfe selbst sind teilweise sehr fordernd aber auch nicht unfair. Und sollte es einem doch mal zu viel werden, dann kann jederzeit der Schwierigkeitsgrad geändert werden.

Kena: Bridge of Spirits — Bosskampf

Fazit zu Kena: Bridge of Spirits

Ich hatte das Spiel kein bisschen auf dem Schirm und hatte es als Grafikblender interpretiert. Es sah wunderschön bei der Vorstellung aus, aber man sah nicht viel vom Gameplay. Habe es auf mehrfache Empfehlung dann gekauft, weil ich ein optisch ansprechendes Spiel für zwischendurch wollte und lange nichts mehr auf der PS5 gespielt habe.

Ich habe es definitiv nicht bereut. Kena ist für mich nichts Besonderes oder so, aber es ist ein gutes Spiel. Die kleineren Schwächen sind etwas, über das man hinwegsehen kann, aber etwas was halt auch in Erinnerung geblieben ist. Ich denke nicht, dass es für die durchschnittliche Gamer:in echte Probleme sind, wenn man aber ein Spiel spielt und plant darüber zu schreiben, hat man natürlich einen anderen Blick drauf. Wenn man sich mit Spielkonzepten und -Entwicklung beschäftigt, kommt noch einiges dazu.

Ich kann Kena: Bridge of Spirits also prinzipiell definitiv empfehlen. Es hat Spaß gemacht, visuell ist es ein Kracher, die Story ist schön gemacht und erzählt und die Rott sind unverschämt niedlich, aber auch ziemlich badass, wenn man weiter in der Story vorangeschritten ist. Ich hoffe sehr auf einen zweiten Teil und bin gespannt, was das Studio noch so erschaffen wird. Ihr erstes richtiges Spiel ist auf jeden Fall weit mehr, als man von einem kleinen Team erwarten könnte.

Ein Kommentar

  1. Danke schön für deinen tollen und detaillierten Bericht! Auch wenn das Spiel nicht perfekt, oder an manchen Stellen vielleicht sogar weit weg davon ist, finde ich grad etwas schade, dass wir keine PS4 oder 5 im Haushalt haben, denn du machst mir mit deinen Zeilen viel Appetit auf das Spiel. Perfekt sein müssen Spiele für mich absolut nicht, es muss einfach persönlich passen. Das ist recht vielfältig und eine beispielsweise bescheuerte Spieleranimation kann mich in dem einen Spiel total nerven, in einem anderen wiederum aufgrund anderer interessanter Schwerpunkte total nebensächlich sein. Nur als Beispiel. Freut mich, dass du eine gute Zeit damit hattest :)

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